25.7.26 Ein Abend zu Ehren von Ingeborg Bachmann
Für die Freunde der Deutschen Literatur, die sich im Nymphenburger Gymnasium zu großen Zahlen finden lassen, war der 25. Juni 2026 ein ganz besonderer Tag: Ingeborg Bachmann, eine der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, wäre an diesem Tag einhundert Jahre alt geworden.
Ihr zu Ehren fand daher im Café Luitpold ein Interview über das Leben, das Werk und den Einfluss der Autorin statt. Moderiert wurde das Gespräch von Christian Gohlke, einem Deutschlehrer unserer Schule, der unter den SchülerInnen mit den bildenden Abenden, die er regelmäßig im Café Luitpold moderiert, eine große Faszination für Literatur und Geschichte auslösen konnte. Herr Gohlke interviewte an dem Abend Prof. Christine Lubkoll, eine Professorin für neue Deutsche Literatur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, sowie Prof. Dieter Burdorf, der an der Universität Leipzig ebenfalls neue Deutsche Literatur unterrichtet und im Mai 2026 eine Bachmann-Biographie mit dem Titel „Dieses unruhige Ich“ veröffentlichte. Zudem wurden von Franziska Walser, einem ehemaligen Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, Passagen aus den Werken und Briefen Bachmanns gelesen.
Die beiden Professoren stellten an dem Abend den Lebenslauf und das Werk Bachmanns dar; im Fokus standen dabei ihre Herkunft und Familiengeschichte, ihre enge Freundschaft mit Ilse Aichinger, ihre Beziehungen mit Paul Celan und Max Frisch, sowie die Analyse ihrer Werke.
Ingeborg Bachmanns Lebenslauf ist von zahlreichen Spannungen geprägt: Ihr Vater war Mitglied der NSDAP und Vertreter der NS-Ideologie; eine Einstellung, die Ingeborg Bachmann kritisch sah, und von der sie sich auch distanzierte. Rückblickend sagte Bachmann, der Anschluss Österreichs an das Dritte Reich habe ihre Kindheit zerstört. Auch nach dem Krieg wurde Bachmanns Leben nicht einfacher; nachdem sie den Sommer 1945 mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem Bauernhof verbrachte, in den die Familie 1944 geflohen war, begann Bachmann in Innsbruck zu studieren. Da ihr Vater, der vor dem Krieg als Volksschullehrer gearbeitet hatte, aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP vom Schuldienst ausgeschlossen war, litten Bachmann und ihre Familie während ihres Studiums an finanziellen Problemen.
In Bachmanns früher Lebens- und Schaffensphase entstanden zahlreiche Gedichte, in denen Bachmann ihre Situation und die politische Lage reflektiert. Vor allem nach dem Krieg kämpfte sie mit der Fragestellung, in welcher Form es nach einem so verheerenden Krieg noch angebracht ist, Lyrik zu verfassen.
Bachmanns Reflexion über den zweiten Weltkrieg und die Shoah wurde durch ihre Liebesbeziehung mit dem jüdischen Schriftsteller Paul Celan weiter vertieft. In dieser Zeit schrieb Bachmann zahlreiche Gedichte, die die Shoah thematisieren, und führt dabei mit Paul Celan einen literarischen Dialog, wobei die beiden in Gedichten immer wieder Anspielungen auf das Leben und die Werke der anderen Person treffen. Als Beispiel hierfür las Franziska Walser Bachmanns Gedicht „Dunkles zu sagen“ vor, in dem Bachmann nicht nur auf den Mythos des Orpheus, sondern auch auf Celans Gedicht „Schwarze Flocken“ anspielt.
Auch Bachmanns späte Schaffensphase ist von einer Beziehung mit einem bekannten Schriftsteller geprägt: Bachmann beginnt 1958 eine Liebesbeziehung mit Max Frisch. In dieser Zeit läuft Bachmanns Leben nicht glatt voran: Sie tut sich beim Schreiben schwer, fühlt sich uninspiriert, und versendet zahlreiche Briefe aus Unzufriedenheit mit ihrem Schreiben nicht. Frisch und Bachmann öffneten ihre Beziehung im Jahr 1960; dies erzeugte allerdings Reibungen zwischen den beiden, und schließlich zerbrach die Beziehung wenige Jahre später. Nach der Trennung litt Bachmann an schwerer Depression; schließlich verstarb sie im Jahr 1973 tragisch an einem Feuer, das wahrscheinlich durch ihre Zigarette ausgelöst wurde.
Das komplexe und vielschichtige Leben Bachmanns wurde an dem Abend detailliert und doch verständlich von Prof. Lubkoll und Prof. Burdorf dargestellt; die Expertise der beiden Professoren machte sich in jedem Aspekt des Vortrages bemerkbar. Auch Franziska Walser enttäuschte mit ihren Lesekünsten nicht; durch ihren mitreißenden Vortrag der Gedichte und Briefausschnitte Bachmanns wurde die Schriftstellerin an diesem Abend neu zum Leben erweckt. Die Reaktionen unter uns SchülerInnen zeigten deutlich, dass Ingeborg Bachmanns Leben und Werk auch 100 Jahre nach ihrer Geburt noch fasziniert und inspiriert. Wie gewohnt zeichnete sich der Salon Luitpold also auch an dem Ingeborg Bachmann-Abend mit hochkarätigen Gästen und einem spannenden Vortrag aus — und konnte wie gewohnt ein großes Interesse unter den anwesenden SchülerInnen erwecken.
Von Noam Cisneros